Inoffizieller Notruf Hafenkante Fanclub

Interview mit Komponist Michael Soltau

(von Februar 2007)

 

Wie sind Sie Komponist geworden?

Als ich jung war, wurde bei uns zuhause immer viel klassische Musik und auch Filmmusik gehört. So bin ich wohl früh 'geprägt' worden. Nach einem Jahr Klavierunterricht habe ich begonnen, die ersten eigenen Stückchen zu schreiben. Das ging dann so weiter während des Studiums an der Musikhochschule und vor allem in den Rockbands, in denen ich Keyboards spielte. Später habe ich als Arrangeur und Produzent mit vielen Künstlern gearbeitet, Songs geschrieben und auch nebenbei Musiken für das Fernsehen produziert. Und irgendwann rief mein Agent in Sachen 'Notruf Hafenkante' an.

Wenn Sie komponieren, neue Werke schaffen, sind Sie dann stets auf der Suche nach einer neuen Musiksprache?
Ja, wobei der Begriff Musiksprache vielleicht zu allgemein ist. Bei der Arbeit an einem neuen Projekt entsteht fast automatisch ein neuer, individueller Stil, der immer eine Mischung ist aus den Inspirationen, die das Projekt bzw. der Film hervorrufen und dem persönlichen Sound, den man als Musiker mitbringt.

Inwiefern orientieren Sie sich an klassischen Komponisten oder an anderen bekannten Stücken?
Die Musik der Spätromantik bis hin zur zeitgenössischen Musik sind eine unerschöpfliche Orientierungsquelle für Orchestrierung und Klangkunst. Aus der Rock-, Pop- und elektronischen Musik, in der ich mich zuhause fühle, stammen natürlich die modernen Klänge und Grooves, die ja selbstverständlicher Bestandteil der heutigen Filmmusiksprache sind. Ich vermeide es aber, mich bewusst an bekannten Stücken zu orientieren, schließlich wird man als Komponist ja gerade wegen der eigenen Handschrift gebucht. Ein gewisser Grad der Beeinflussung lässt sich aber nicht ausschließen und das ist durchaus positiv.

Wie komponiert man eigentlich? Passiert das am Klavier, oder wird das mit technischen Geräten gemacht?

Jeder hat seine Methode. Ich bin sicherlich eher der Studio-Tüftler, der das Gros seiner Musik mit Keyboards und Computern komponiert. Gelegentlich nehme ich auch mal die Gitarre zur Hand. Die Hauptthemen und Melodien, von denen es ja in der Hafenkante einige gibt, entstehen aber auch bei mir fast immer auf dem guten, alten Klavier.

Wie lange dauert es, bis die Musik für eine Notruf-Hafenkante-Folge fertig gestellt ist?
Im Durchschnitt gehen wir von 10 ausgefüllten Arbeitstagen aus. Wenn es eng wird, schaffen wir es zur Not auch in 5 Tagen. Ich nehme mir aber in jedem Fall einen ganzen Tag Zeit für das erste Anschauen und das Schreiben eines Musikskripts.

Wie gelingt es Ihnen, den hohen Anforderungen des Filmgeschäfts immer gerecht zu werden?
Wenn mir der Film gefällt, macht die Arbeit Spaß und das führt meist zu einem guten Ergebnis. Um schnell und effektiv zu produzieren, setzte ich auf moderne Musiktechnologie und die Unterstützung durch ein starkes Team von Musikern und Arrangeuren. Man muss auch bereit sein, sehr lange zu arbeiten, auch mal nachts und am Wochenende.

Werden Sie durch gesellschaftliche, politische oder private Ereignisse beim Komponieren beeinflusst?
Wenn ich mein Studio betrete, schalte ich total ab und bin in meiner eigenen Welt, meinem Kokon, sonst klappt es nicht. Sicherlich kann einen ein positives privates Ereignis euphorisch machen und bei der Arbeit beflügeln, aber man muss auch in der Lage sein, an einem traurigen Tag eine Comedy-Musik zu schreiben. Dass ich in meiner Musik bewusst Geschehnisse aus der Politik und der Gesellschaft verarbeite, ist selten der Fall. Dafür ist Bob Dylan zuständig. Filmmusik sollte hauptsächlich durch den Film beeinflusst sein.

Wer sind für Sie die einflussreichsten und prägendsten Komponisten?

In der klassischen Musik sind es die Spätromantiker, vor allem Gustav Mahler und Richard Wagner. Sergei Prokofjiew und Dmitri Schostakowitsch waren in Russland die Pioniere der Filmmusik. In der zeitgenössischen Musik haben für mich u. a. Krzysztof Penderecki, György Ligeti und Iannis Xenakis eine große Bedeutung, weil sie auf eine fesselnde Art klangliche Extreme schaffen. Als alter Filmmusik-Fan möchte ich Ennio Morricone, Bernard Herrman, später Danny Elfman, Carter Burwell und auch Alexandre Desplat nennen, weil sie einen starken persönlichen Stil haben und nicht ihre Vorgänger kopieren.

Komponieren Sie immer Filmmusik oder auch mal etwas anderes?
Ich habe viele Jahre Musik produziert und Songs geschrieben. u. a. für Künstler wie Sarah Brightman, The Ten Tenors und José Carreras. Dem Projekt Gregorian – Masters Of Chant stehe ich als Mitbegründer und Produzent seit dem Debutalbum (1999) zur Seite.

Für welche Art von Serien / Filme komponieren Sie am liebsten?
Als Zuschauer habe zur Zeit eine Vorliebe für aufwändige Dokumentationen und würde mir wünschen, demnächst ein solches Format zu vertonen. Außerdem interessieren mich Krimis und Dramen, am liebsten solche mit mystischem Anklang, also die schweren, düsteren Themen. Als musikalisches Fitnesstraining vertone ich auch liebend gerne Actionszenen und Verfolgungsjagden.

Welche Instrumente verwenden Sie am häufigsten für die Musik aus Notruf Hafenkante?
Die Instrumentierung ist nicht einheitlich, aber es gibt durchaus wiederkehrende Elemente: Die Rettungsfahrten mit Blaulicht und die Bilder vom Hafen kommentiere ich gerne mit einer großen Hörner-Gruppe oder mit Posaunen. Einzelinstrumente haben meist besondere Funktionen: Für die Figur des Boje etwa empfahl sich eine cleane bis leicht angezerrte E-Gitarre, die wiederholt prägnante Licks spielt. Selten erklingt das Akkordeon (Schifferklavier), das typische ‘Waterkant’-Instrument. Zu meiner großen Freude waren Produktion und Redaktion von Anfang an für einen äußerst sparsamen Umgang mit musikalischen Klischees. Ansonsten sind meistens Streicher im Einsatz, bei emotionalen Szenen gerne auch in Verbindung mit Holzbläsern. Für die ganz großen Actionszenen setze ich dann das volle Orchester ein, inklusive erweiterter Schlagzeugabteilung. Synthesizer, Drumloops, Sequenzer- und progressive Elektronik-Sounds kommen zum Beispiel dann zur Geltung, wenn unser Polizeiteam Verdächtige observiert, die Täter jagt oder wenn das Notarztteam Verletzte versorgt.

Wie viele Freiheiten haben Sie, wenn Sie die Musik für Notruf Hafenkante komponieren? Schreibt die Produktion viele Dinge vor?
Wenn überhaupt, lautet die einzige Vorschrift: Die Musik muss passen, die Szenen sollen gut unterstützt bzw. kommentiert werden. Stilistisch habe ich einen sehr großen Freiraum, den ich auch gern nutze: Von orchestraler Filmmusik über Rock bis hin zu elektronischen Big-Beat-Passagen ist alles möglich. Wir achten aber auch gemeinsam darauf, dass eine 45-Minuten-Folge einen musikalischen Bogen bekommt und keine unnötigen Stilwechsel vorkommen.

Welche Art von Musik hören Sie privat?
Ich sag's mal so: Wenn ich durch einen gut sortierten Plattenladen gehe, gibt es kaum ein Regal, um das ich einen großen Bogen mache. Am längsten stöbere ich wohl bei der Filmmusik und bei Progressive Rock, aber auch in den Top 100.

Haben Sie als Komponist einen Traum?
Irgendwann genug Zeit und Muße zu haben, mein Konzeptalbum fertig zu stellen.

Vielen Dank für das Interview.
(c) Carina Becker